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Der Beitrag "Wo die starken Kerle Wohnen" bei 37° (45 min.) berichtet von dem Projekt "Via nova", in welchem ich im Sommer 2009 elf Jungs im Alter von 8 bis 13 Jahren, bei denen AD(H)S diagnostiziert wurde, zwei Monate lang auf einer Alm betreut habe.
Ich bin dankbar, dass das ZDF über solche innovativen Projekte wie Via nova berichtet und uns so intensiv beobachtet hat.
Das ZDF setzt die Messlatte für den Erfolg des Projektes allerdings sehr hoch an: Sind die AD(H)S-Symptome der drei schwierigsten Kinder der Gruppe nach 2 Monaten Alm komplett verschwunden, wenn die Kinder danach wieder sechs Monate in das alte Umfeld kommen?
Durch diese Betrachtungsweise und die Kürzung der Aufnahmen auf das 45-Minuten-Format der Sendung konnte jedoch vieles nicht sichtbar werden, z.B.
- Wie wunderbar sich die Kinder im Laufe der Almzeit verändert haben
- Welche Fortschritte sie auf anderen Ebenen gemacht haben
- Wie die Kinder ihr AD(H)S vor und während der Alm erlebten und welche Bedürfnisse sie in Wirklichkeit haben
- Wie stark der Einfluss von Familien- und Schulsystem auf die Symptomatik der Kinder ist
- Wie wir auf der Alm gearbeitet haben (das Geheimnis unseres Erfolges)
- Welche Erfolge die restlichen Kinder durch das Projekt nach wie vor haben
Was hat sich bei den Kindern wirklich verändert?
Die Eltern berichten ein halbes Jahr später: Peter Viktor Otto Leo Simon John Rolf Mirko Michael (Namen geändert)
Die Schulsituation hat sich insofern verbessert, als er bei seinen Mitschülern und Lehrern sehr beliebt ist. Außergewöhnlich sogar. Er ist loyal, hilfsbereit, neidlos, großzügig, aufmerksam …
Peter war auf der Alm sehr aktiv, voller Ideen und hatte sehr viel Eigeninitiative. Für ihn bräuchte es eine andere Schule, eine Schule, wo aktives Lernen, eigene Ideen und Eigeninitiative gefragt sind…
Viktor war nach der Alm ganz konsequent, was Ernährung betraf, aß keinen Zucker und verlangte Müsli und Obst … Er war gut drauf und freute sich an Kleinigkeiten. Mutter und Sohn gingen zusammen zelten, er wollte seiner Mutter zeigen, was er alles gelernt hatte…
Die Lehrerin rief schon am ersten Tag an, dass Viktor seine Medikamente nicht genommen hat. Nach einem Gespräch mit den Via-Projekt-Leitern fasste sie Mut, erst mal zu beobachten. Nach drei Wochen gab sie die Rückmeldung, dass Viktor eigentlich ganz normal sei.
Seine Noten haben sich sogar deutlich verbessert. Sie beschreibt Viktor als viel stärker und selbstbewusster.
Am deutlichsten hat Ottos Frustrationstoleranz zugenommen; selbst wenn er im schulischen Alltag und an den Nachmittagen mit vielen Konflikten konfrontiert wird, lässt er sich bei weitem nicht mehr so wie früher aus der Fassung bringen.
Er unterbricht weitaus weniger als früher angefangene Tätigkeiten und vollendet diese erst bevor er etwas Neues anfängt. Er führt Anweisungen ohne mehrfache Wiederholung der Aufforderung durch oder lehnt Dinge, die er nicht tun will konsequent ab.
Er findet sich in neuen Situationen schneller zu Recht und zeigt mehr Ausdauer in der Bewältigung schwieriger Aufgaben. Seine Fähigkeiten zur Reflexion haben sich deutlich weiterentwickelt“
Leo ist insgesamt deutlich ruhiger geworden. Nach einer Frustration fängt er sich sehr schnell und ist nach kurzer Zeit wieder bereit sich dem Problem zu widmen.
Er hat ganz massiv abgenommen und ist dadurch physisch deutlich belastbarer, sowie bei Aufgaben mit viel Bewegung weniger frustriert.
Er kann sich länger alleine beschäftigen. Morgens organisiert er sich beim Aufstehen und Anziehen selbständig. Einmaliges Wecken ist völlig ausreichend (obwohl er um 6.00 Uhr aufstehen muss).
John geht wieder gern in die Schule. Hier klappt es deutlich besser als vorher. Viel seltener ist er in Konflikte verwickelt – und wenn er einen Konflikt hat, findet er schneller wieder heraus. Auch seine Leistungen haben sich verbessert. Zu Hause fordert er den Almkreis (Redekreis) ein und will, dass alle aus der Familie sich äußern, was sie wollen und was ihnen wichtig ist.
Rolf hat sich gerade bei mir entschuldigt und einen Flieger gebastelt, auf dem steht, dass er mich nie wieder anschreit und Sachen herumwirft. Das ist ein großer Trost und auch als Almerfolg zu verbuchen, dass die Abstände zwischen den Konflikten doch kürzer und die Einsicht größer wird.
Wir haben dann den Almkreis (Redekreis) begonnen und ihn nun öfter praktiziert. Für mich war das die schönste Zeit vom ganzen Tag. Rolf hat sofort seine Almrolle angenommen und seine Erfahrung in die Familie eingebracht. Er hat den Teamkreis vorbereitet und uns gezeigt wie "Sprechen von Herzen" funktioniert. Seine Stimme wurde auf einmal ganz sanft und verletzlich und er hat viele wunderschöne Sachen gesagt. Auch die Geschwister haben super mitgemacht. Mir hat es einfach das Herz geöffnet und ich fühle wieder unheimlich viel Mut. Und die letzten Tage hat sich Rolf wirklich von der Schokoladenseite gezeigt. Vernünftig, bereit zu teilen, zu unterstützen. Es sind ganz viele Almerfolge zu sehen. Ich bin im Moment sehr glücklich."
Ich bin begeistert von meinem Sohn. Er ist selbstbewusster, kooperativer, kann sich besser äußern und sagt, was er braucht. Er hat mit seiner Mutter ein Abkommen getroffen, dass diese nicht mehr raucht, er dafür keinen Süßigkeiten mehr isst. Wir haben zu Hause mit Mirko jetzt eine super Basis, auf der wir weiterarbeiten können.
Aber wir sehen, dass es Mirko viel besser geht, er ist wieder er selber. Wir wissen, er ist ein schlauer Kerl. Und ich war ja auch ein Spätzünder und aus mir ist was geworden. Danke für alles. Ihr seid ein super Team. Das Projekt hat Füße, kann stehen.“
Heute war einer der schönsten Tage im Zusammenleben mit Michel!! Kein Streit, klare Anweisungen befolgt, hilfsbereit und strukturiert in seinem Handeln. Unglaublich. Er war sehr ausgeglichen und ruhig.
Heute sagte er:„Ich will noch einmal ganz klein sein“ Meine Frage, was er dann anders machen würde, beantworte er sofort „auf keinen Fall Medikamente nehmen! Ach doch, sonst könnte ich ja nicht mit auf die Alm“.
Die Kinder sind, kurzum im sozialen Kontakt und in der Sensibilität geschärft worden. Das sich dabei natürlich ihr Selbstwertgefühl und auch Bewusstsein gestärkt hat ist außer Frage.
Simon hat nach wie vor Probleme im Umgang mit Konfliktsituationen, aber jetzt hat er den Mut und auch die Fähigkeit diese Situationen selbst zu lösen. Das haben wir ganz klar der Hütte zu verdanken!
Simon ist aggressiv, kann sich selbst nicht bändigen. Heute hat er sich viel mehr unter Kontrolle. Erfolg der Hütte!
Simon hatte keine Freunde. Heute hält er Kontakt zu mehreren Freunden. Erfolg der Hütte!
Simon fragt innerhalb der Familie nach dem Wohlbefinden nach! Kontakt! Erfolg der Hütte!
Die anschließende Diskussionsrunde bei Markus Lanz mit Gerald Hüther, Kirsten Stollhoff, Gerhard Gleske, sowie Adrian und seiner Mutter lässt erahnen, warum die Regisseure von 37° Ihre persönliche Stellungnahme "mitten im Haifischbecken" getitelt haben.
Wie ging es weiter?
Das Projekt und die Berichte in Stern und ZDF haben viel Staub aufgewirbelt. Es wurden etliche Behauptungen verbreitet, ohne dass diejenigen die wirkliche Situation erlebt hätten. Daher veröffentliche ich hier die Stellungnahme der Sinn-Stiftung, sowie der Eltern von Nikola, Malte, und Florian.
| Stellungnahme von Nikola´s Vater |
"Im Rahmen des Almaufenthaltes meiner Kinder wurden von meiner geschiedenen Frau einige schwerwiegende Vorwürfe gegen die Organisatoren erhoben. Da sie im wesentlichen nicht zutreffen und auch von den anderen an diesem Projekt beteiligten Eltern nicht so erlebt wurden, möchte ich hierzu Stellung nehmen.
Die Berghütte entspricht dem, für solche Hütten üblichen Standart. Mit zwei Schlafzimmern, einer Matratzenebene unter dem Dach, einem Wirtschaftsraum mit einem Herd und Kochplatte ist sie durchaus in der Lage eine dem Projekt entsprechende Anzahl von Personen zu beherbergen. Es gibt ein Plumpsklo außerhalb und Stallungen für Tiere. Zähneputzen und Waschen erfolgten an einem unmittelbar in der Nähe der Hütte gelegenen Bach (bzw. an dem Trog vor der Hütte, welcher von einer eigenen Quelle gespeist wird*). Die Lage auf 2400 m ist traumhaft und die, die Hütte umgebende Landschaft atemberaubend. Es gefiel mir so gut, dass ich erwäge die Hütte mit meinen Kindern und Freunden diesen Sommer für eine Woche zu mieten.
Es mag sein, dass mit Bergen und Natur nicht so vertraute Menschen, dass Fehlen von Elektrizität, Heizung, fließend Warmwasser, Toilette mit Spülung etc. irritieren könnte, die Kinder jedenfalls hatten damit keine Probleme.
Es stimmt das Robin bei unserem Besuchstermin über Halsschmerzen klagte und deshalb, an dem Tag, vorsichtshalber die meiste Zeit in der Hütte blieb. Ich bin zwar nur Orthopäde aber mir erschien das gesundheitliche Befinden meines Sohnes zu keinem Zeitpunkt bedenklich. Zeichen der Verwahrlosung oder Krankheit konnte ich bei keinem der sonst anwesenden Kinder feststellen.
Aufgefallen ist mir jedoch das Robin und ein anderes übergewichtiges Kind schlank geworden waren und darüber auch sehr stolz waren. Dazu trug sicher die sehr ausgewogene zuckerfreie Ernährung, aber auch die intensive Bewegung bei. Alle Kinder waren konditionell in Topform und sprühten vor Gesundheit.
Überhaupt führten uns die Kinder mit großem Stolz ihr neues Reich, und ihre diversen handwerklichen und künstlerischen Arbeiten vor.
Das die Kinder die Anweisung bekommen hätten nicht mehr Zähne zu putzen, weil sie kein Zucker essen würden bezweifle ich. (Im Gegenteil: die Kinder wurden regelmäßig zum Zähneputzen aufgefordert und auch Nicola und Robin standen des Öfteren mit mir am Trog*)
Von den ganzen Dramen die sich laut meiner geschiedenen Frau während unsres Besuches abgespielt haben sollen habe ich nicht viel bemerkt. Ein Junge wollte abbrechen konnte aber zum Fortführung des Aufenthaltes bewogen werden. Auffällig war jedoch, dass einige Eltern mehr oder weniger große Schwierigkeiten mit dem Abschied hatten, weshalb sich dieser auch um einiges verschob.
Auf der Alm waren elektronische Geräte untersagt um das eintauchen in eine virtuelle Welt zu verhindern. Somit gab es auch keine Handys. Zum Informationsaustausch dienten Almbriefe, die von einer Betreuerin in wöchentlichen Abständen verfasst und an die Eltern per Internet gemailed wurden. Die darin enthaltenen Informationen waren hilfreich aber den meisten Eltern zu unspezifisch. Man könnte ja nächstes mal eine Postverbindung unterhalten, so dass Eltern und Kinder direkt miteinander kommunizieren können.
Berührt hat mich das enorme Engagement, die liebevolle Fürsorge und die Begeisterung mit der sowohl unsere Kinder als auch wir Eltern in den Elternseminaren betreut wurden.
Auffallend war das große Selbstbewusstsein mit dem unsere Kinder von der Alm zurückgekommen sind. Sie hatten eine enorme geistige aber auch körperliche Weiterentwicklung durchgemacht.
Ich bin überzeugt das Nikola, der ältere Sohn, ohne diese Erfahrung das Internat und die fünfte Klasse Gymnasium nicht so gut gemeistert hätte. Er nimmt kein Methylphenidat und ist ein guter Schüler.
Robins schulische Leistungen haben sich nach der Aussage seiner Lehrerin leicht gebessert. Er bekommt allerdings gegen meinen Wunsch seit einiger Zeit wieder Methylphenidat.
Bedauerlich ist auch, dass er nach Wegfallen der Almkost wieder deutlich zugenommen hat.
Ich bin auf beide Söhne sehr stolz, mag sie so wie sie sind; am liebsten ohne Methylphenidat. Allen Eltern kann ich guten Gewissens diese intensive Erfahrung für Kind und Eltern sehr empfehlen.
Ich danke allen Betreuern und auch Professor Hüther, dass sie dieses Projekt ins Leben gerufen haben."
Boris B.
*Anmerkung von Martin Gecks
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| Stellungnahme der Sinn-Stiftung |
Die Dynamik, die das Thema AD(H)S in Familien, in Schulen, in unserer Gesellschaft auszulösen vermag, ist beeindruckend.
Viele Menschen haben in den letzten Wochen und Monaten auf vielerlei Weise Anteil genommen an unserem Almprojekt Via nova...
Es wurde deutlich sichtbar, dass auf der Alm ein Entwicklungsprozess angestoßen wurde und die Jungs nach acht Wochen kraftvoll und mit vielen neuen, guten Erfahrungen zurückkamen.
Es war uns ein Anliegen, über die Medien auf dieses Thema aufmerksam zu machen und es auf diesem Weg in die Öffentlichkeit zu tragen. Wir danken den Journalisten des stern und der Sendung 37 Grad, dass sie es mit uns gewagt haben, dieses heiße Thema anzupacken. Allerdings wurden einige, aus unserer Sicht wesentliche Kernpunkte leider nicht dargestellt.
Wir freuen uns, dass auch die Via-nova-Eltern selbst ihre Erfahrungen darstellen und die positive, nachhaltige Entwicklung deutlich machen. Die aufgerührten Gefühle sind vielfältig:
- Entrüstung über die Beschneidung der Äußerungen der Mutter von Adrian in der Sendung (es war eine Aufzeichnung)
- Begeisterung über die Worte des kleinen Robin zu seinen Wünschen nach mehr Nähe und Kontakt
- Missfallen der Eltern über Falschaussagen einer Kinderärztin und
- Rührung über die Leistung der Kinder, die so hart an sich gearbeitet haben
(dies zeigen die Elternkommentare auf der SINN-Internetseite)
- Dankbarkeit für die souveräne Darstellung durch den Pharmakologen
- Neugierde und Interesse von Profis und Eltern, in welcher Weise sie den Ansatz von Via nova für sich nutzen können
- Verzweiflung vieler Eltern an ihrer eigenen Geschichte und Hoffnung durch diesen Impuls.
AD(H)S ist ein emotional stark aufgeladenes Thema, das mit einer großen Lobby, mit Grabenkämpfen zwischen Extrempositionen, aber auch mit der Suche nach Halt und Orientierung verbunden ist.
Wir möchten jedoch keine Grabenkämpfe unterstützen, sondern uns für Entwicklung einsetzen und Dialog anregen. Gerne wollen wir hier eine andere Sprache und Kultur anbieten - Kindern, Eltern, Profis.
Quelle: Sinn-Stuftung.eu (Newsletter 3_2010)
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| Mutter von Florian: Unser Leben nach der Alm |
Nun ist unser Sohn seid einem halben Jahr von der Alm zurück.
Nach wie vor nimmt er keine Tabletten gegen sein ADHS und es schaut auch nicht so aus, das wir sie in absehbarer Zeit brauchen.
Viel ist geschehen in der Zwischenzeit und ich bin jeden Tag aufs Neue gespannt, was es weiterhin Neues zu entdecken gibt. Die Veränderungen sind immer noch merkbar und es kommt auch immer noch neues hinzu.
Manchmal sind es Kleinigkeiten die uns erst später wirklich auffallen, andere Male sind es Veränderungen, die uns sofort stutzen lassen.
Erst heute morgen erklärte unsere große Tochter das ihr Bruder nun ohne Tabletten so ruhig sei wie sonst mit Medikamenten. Ich finde es enorm wie sehr der Unterschied auch einer 14jährigen auffällt.
Natürlich hatten und haben auch wir zwischendrin immer mal Zeiten in denen die alten Muster wieder mehr hervorkommen. Ich fände es auch sehr utopisch zu denken das nun alles wunderbar ist und wir uns auf unseren (von unserem Sohn geernteten) Lorbeeren ausruhen können.
Nach der Alm fing die Arbeit hier daheim ja erst richtig an.
Erst als unser Sohn wieder hier war, konnten wir die Theorie der Elternseminare in die Praxis umsetzen. Erst nach der Alm konnten wir einen Weg finden der für uns alle gehbar ist.
Wir sind eine Familie mit vier Kindern, somit haben wir gemeinsam schauen müssen, das wir nicht nur an unserem Sohn bleiben, sondern unsere anderen Kinder auch mit einbeziehen.
Dies hat eine kleine Weile gebraucht.
Es begann eine Zeit des Einschleifens, des Ausprobierens, Überdenkens, Reflektierens und Aussondierens. Nicht alles was auf der Alm als positiv erlebt wurde, war für unseren Familienalltag tauglich. Einige Sachen stießen auf heftige Kritik der einen, während andere Familienmitglieder diese für sehr wichtig und unerläßlich hielten.
Diese Zeit ist nun vorbei und ich denke das wir sie sehr gut, als Familie, gemeistert haben.
Zurück zu unserem Sohn:
Vor der Alm zuckte unser Sohn regelrecht zusammen, faßte sich mit beiden Händen an den Kopf, wenn ich unseren Küchenhocker oder unsere Küchenbank auf den Fliesen verschob. Das Quietschen von Holz auf Fliese ließ ihn aufschreien vor Schmerzen. Er erklärte: "Mama das geht mir direkt ins Hirn, hör bitte auf damit."
Heute, nach der Alm kann ich den Hocker durch die Küche kicken und er beschwert sich höchstens noch über den Lärmpegel den diese verursacht. Immer wieder schaue ich den Hocker an und erinnere mich an die Zeiten an denen ich überlegte, was ich tun könnte, um dieses Geräusch zu vermeiden.
Wenn ich den Hocker jetzt verschiebe beobachte ich unseren Sohn und bin einfach nur glücklich das es so ist wie es ist.
Unser Leidvolles Thema Hausaufgaben:
Wieviel Kraft ist in dieses Thema hineingegangen?
Wieviel Beziehung hat uns dieses Thema gekostet?
Wie oft sah ich mich in der Zwickmühle: Beziehung zum Kind oder Aufgaben die erledigt werden müssen? Das die Hausaufgaben gemacht werden müssen stellte ich ja gar nicht in Frage, aber dieser tägliche Kampf darum zehrte so an unseren Nerven, das ich mich manchmal wirklich fragte, ob es das wirklich wert ist.
Ließ ich es unserem Sohn allerdings durchgehen, kam der Druck von der Schule gleich doppelt. Einmal in Form von Hausaufgabenhefteinträgen und Druck auf unseren Sohn, andermal als Vorwurf der Schule wir, als Eltern, würden uns nicht kümmern und würden unserer elterlichen Sorgfaltspflicht nicht nachkommen. Wir wären Schuld, dass unser Sohn in der Schule nicht ganz mitarbeiten kann, denn die Zeit in der die Hausaufgaben kontrolliert würden, hätte er nichts da und würde stören.
Es war schier zum Verzweifeln.
Jetzt macht er seine Hausaufgaben. Ich kontrolliere sie immer noch und zeichne auch ab. In der Schule schaut die Lehrerin ob er sie sich auch aufgeschrieben hat. Wir haben keinen Kampf mehr um die grundsätzliche Notwendigkeit der Hausaufgaben.
Wir können Vereinbarungen treffen an die unser Sohn sich hält. Mit solchen Vereinbarungen ist es mir auch egal, ob er seine Hausaufgaben mittags im Anschluß an das Essen macht, oder ob er abends früher heim kommt, um sich dann hinzusetzen.
Hat er vor der Alm zwar Absprachen akzeptiert und sich auch an deren Ausarbeitung beteiligt, dann aber alles menschenmögliche versucht, dennoch um diese eventuelle Mehrarbeit herumzukommen... mag es durch einen Wutanfall oder durch charmantes Auftreten gewesen sein, so braucht es jetzt höchstens noch einer Erinnerung meinerseits, das er noch eine Sache zu erledigen hat.
Kein Ausbruch mehr, keine Versuche mehr, um diese Vereinbarungen herum zu kommen, außer die Versuche die ein Kind in diesem Alter unseres Sohnes einfach einmal so anstellt.
Insgesamt stelle ich, beim Schreiben dieser Zeilen fest, dass ich es nicht mehr genau sagen kann wann unser Sohn seinen letzten Wutanfall gehabt hat.
Wahrscheinlich jeder kennt den täglichen Kampf ums Zähneputzen.
Mein Ziel hier daheim war: einmal am Tag gründlich und gut ist. Mehr war einfach nicht drinne ohne das es auf Kosten unserer Beziehung ging.
Mein Sohn kam von der Alm mit sehr gepflegten Zähnen herunter, ich war erstaunt und sehr glücklich darüber denn das war ein Punkt der uns alle Sorgen machte.
Dies sind so die größeren Sachen die sich nach dem Almaufenthalt, für uns und unseren Sohn, verändert haben, welche für uns und unseren Sohn allerdings Meilensteinen gleichkommen.
Allerdings haben wir nun auch einen Sohn hier daheim, der seine Wünsche und Bedürfnisse klar definiert und mir schon einmal klar macht, wenn ich es bin, die in alte Muster zurückrutscht. Damit muß ich nun auch zurecht kommen, denn er hat in diesen Situationen Recht. Nicht nur er muß an sich arbeiten - wir alle müssen es tun.
Nach zwei Monaten wo er wieder daheim war, gab es ein paar Schwierigkeiten, zu dem Zeitpunkt fing es an wieder einzubrechen und wir merkten das wir doch nochmal ein paar Sachen überdenken mußten.
So ist das Leben. Es bleibt nicht stehen und es muß immer daran gearbeitet werden - bei jedem Kind, nicht nur bei unserem Sohn.
Umso trauriger finde ich es, das dieses Almprojekt nun teilweise so negativ gesehen wird.
Diese Alm kann nichts bewirken, wenn nicht die Familie daheim mitmacht. So ist es mit jeder Kur in der Menschen sind.
Die Alm gibt eine Basis, alles andere muß daheim ganz individuell auf das jeweilige Kind in seinem Umfeld erarbeitet werden.
Ich bin sehr glücklich, an diesem Pilotprojekt teilgenommen zu haben.
Ich stelle mir vor, das jeder sehr viel aus diesem Projekt hat lernen können.
Gerade weil es ein Pilotprojekt war, war alles für jeden neu und jede Seite, Eltern wie Stiftung, kann nun aus diesen Erfahrungen lernen, an den positiven Sachen wachsen und überdenken, was an anderen Stellen anders gemacht werden kann.
Zwei Sachen sind mir noch wichtig zu erwähnen:
Hätte ich zu irgendeinem Zeitpunkt dieses Projektes in irgendeiner Weise daran gezweifelt, das es unserem Sohn gut, an dem respektvollen Umgang, oder an irgendetwas anderem, hätte ich meinen Sohn sofort und ohne Kompromisse wieder mit Heim genommen. Auch wenn ich mein Kind an einem solchen Projekt teilnehmen lasse, habe ich dennoch die Verantwortung für dieses Kind.
Genauso handhabe ich es auch mit der Entscheidung, ob wir weiterhin medikamentenfrei bleiben oder nicht. Dies ist ganz alleine die Entscheidung von uns als Eltern, die wir uns auch von niemandem in irgendeiner Weise beschneiden lassen.
Was ich allerdings sehr gerne annehme, wenn wir überlegen wieder mit Medikamenten einzusteigen, ist das Angebot der SinnStiftung uns zu unterstützen und gemeinsam zu überlegen, welche Möglichkeiten wir haben.
Insgesamt kann ich sagen, dass wir wieder unseren Humor gefunden haben, der lange Zeit vergraben war - vor lauter Druck und Aushalten und Bitten und Kämpfen.
Ich, als Mutter, habe wieder eine Leichtigkeit mit der ich meine Kinder begleiten kann.
Ich stehe morgens zwar nicht lieber auf, um meine Kinder zu wecken, aber ich genieße das gemeinsame Frühstück, bevor sie das Haus verlassen.
Iris B.
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Wir holten Malte mit verfilzten Haaren, Dreckklamotten aber überglücklich und vor Gesundheit strotzend von der Alm ab.
Das Wichtigste für alle: wir hatten uns wieder.
Die Haare wurden 30 Minuten lang in der voll gefüllten Badewanne ausgekämmt, nicht abgeschnitten. Die Wäsche war mit einmal waschen wieder sauber und unser Sohn war der glücklichste Mensch dieser Welt.
Malte ist direkt von der Alm, einen Tag zuhause, nach Wiesbaden in seine neue Schule gekommen. Nach 2 Tagen Schule und für 3 Tage in einem Camp mit seiner Klasse, konnte er seine Erfahrungen von der Alm einbringen und auch gleich wieder lernen mit Konfrontationen umzugehen.
Freitags, in der 1. Woche, teilte die Lehrerin uns mit "wir haben uns für Malte entschieden" Wir waren superglücklich und schöpften Hoffnung auf eine gute Zukunft!
Somit zogen Malte und ich (Susanne) auf einen Reiterhof in Wiesbaden, da Malte Vorort noch keine Wohnmöglichkeit hatte. Wir hatten sehr schöne Tage bzw. Wochen in der "Reiterhof-Wohnung". Nachts hörten wir das Trampeln der Pferde gegen die Wände im Stall nebenan oder das Toben auf der Koppel. Ich konnte oft nicht schlafen, Malte fand es toll "im Stall" zu schlafen.
Jeden morgen sind wir den Schulweg von ca. 2km quer durch den Wald marschiert und konnten sehr viel miteinander sprechen. Malte war sehr ausgeglichen, fröhlich und sammelte unterwegs den halben Wald leer für die Schule!
Wenn ich ihn nachmittags (16.15 Uhr) abholte und wissen wollte wie es heute war, kam die Antwort "toll, nur zu wenig Sport", und außerdem - was sie alles gegessen hatten.
Er hat sich nie über Streit oder Auseinandersetzungen geäußert.
Von seiner Klassenlehrerin erfuhr ich, dass ein Schüler mit Malte eine Auseinandersetzung hatte (beruhte noch auf dem 3-Tage-Camp in der Schule) und dieser Schüler hatte ihn dafür sogar getreten.
Malte habe sich körperlich nicht gewehrt!!! Dies ist ein großer Erfolg.
Malte hinterfragt vieles und will wissen warum er Dieses oder Jenes machen soll, lenkt dann aber ein und erledigt es. Nach dem Essen räumt Malte unaufgefordert den Tisch ab. Wenn ich ihn um etwas bitte, macht er es zwar meistens nicht direkt, braucht eine kleine Bedenkzeit und erledigt es dann.
Wenn Stress aufkommt, zieht er sich zurück und liest, kommt nach einiger Zeit aber wieder ins Geschehen zurück.
Im Schwimm-Training gab es an keinem Tag Probleme. Er machte sein Pensum und ließ sich durch negatives Verhalten eines anderen Schwimmers nicht beeindrucken - auch nicht als 2 Jungen, die sein Verhalten von früher kannten, ihn sehr provozierten und ihn festhielten als die Trainerin nicht schaute. Malte geht anders mit Provokationen um. Es ist fast zu schön um wahr zu sein!
Malte geht früher als sonst schlafen. Liest noch kurz und akzeptiert das "bitte Licht aus".
Morgens zum Frühstück, die Cornflakes ohne Zucker zu essen, hat er gar nicht bemerkt. Nur in der Schule klappt es nicht so gut mit dem Essen, hier wird leider auch Marmelade angeboten. Aber wegen Malte kann die Schule nicht den Speiseplan verändern. Er muss lernen damit umzugehen, was ihm immer besser gelingt, da er die Reaktion seines Körpers auf Zucker wahrnimmt.
Was das Schreiben betrifft, hat Malte eine tolle Entwicklung gemacht:
Im letzten Jahr war es noch so, wenn er ca 3 mal im Jahr auf einer Geburtstagskarte oder Postkarte unterschreiben sollte, war dies ein Drama!! Nach der Alm: kein Problem.
Zu seinem Schulbeginn, sollte er auf alle Heft usw. seinen Namen schreiben. Dies tat er wie selbstverständlich! Ich finde eine große Leistung, da Malte nach der 3.Kl. aufgehört hat zu schreiben. Trotz seiner Hochbegabung machte Malte in der Grundschule viele Fehler. Selbst geübte, zuhause fehlerfrei geschriebene Aufgaben, waren in der Schule übersät mit Fehlern. Malte resignierte komplett und brachte nichts mehr zu Papier.
Nun in der neuen Schule war ein Neuanfang nach dem Almaufenthalt. Malte ging mit Begeisterung hin.
Er sollte einen Aufsatz schreiben. Machte daraus eine Bildergeschichte mit irgendwelchen Zeichen. Diese sollte er dann vortragen, erzählte uns seine Lehrerin. Was er auch mit Begeisterung tat. Sie merkte an "zu kurz", morgen muss er weiter schreiben und wollte wissen ob er seine Zeichen dann auch noch lesen könne. Ich konnte nichts weiter erfahren, nur Malte erzählte mir, dass die Geschichte jetzt weiter "gegangen" ist.
Seine Lehrerin teilte mir mit, dass die Schüler 6 Seiten Wochenarbeitsplan "auf hatten". "Leider hat Malte nur ½ Seite, dies ist zu wenig!". Auf mein Hinweis, dass dies super sei für Malte, da er zuvor nur noch seinen Namen mit Mühe geschrieben hat, ist dies doch ein toller Erfolg. Sie stimmte mir zögerlich zu und konnte es so aus einem anderen Blickwinkel betrachten.
Ein Hornissennest, welches Horst auf dem Dachboden gefunden hatte, veranlasste Malte ein Referat mit Powerpoint vorzubereiten. Diesen Vortrag hielt er direkt am nächsten Montag vor allen Schülern der Schule, gesamter Lehrerschaft und Besuchern. Er konnte ohne Probleme, alle von den Schülern gestellten Fragen beantworten und bekam einen großartigen Beifall und Anerkennung der Schulleitung.
Zum Jahresende stellten sich aber in der Schule Probleme ein. Es waren keine klaren Abmachungen zu sehen bzw. gab es Verständigungsschwierigkeiten zwischen der Schule und Malte.
Es wurde von der Schule der Wunsch nach einer Integrationshilfe geäußert. Dieses wurde am im Januar bei einem Gespräch mit dem Jugendamt besprochen und beantragt.
Seit dem 19.01. ist Malte nun in Innerthann auf dem Aktivhof und macht dort eine ISE-Maßnahme.
Die Schule möchte mit Malte weiter arbeiten, braucht aber Unterstützung. Bis heute (Ende März) ist nichts geklärt. Malte und wir hängen in der Luft. Keiner weiß, ob und wann die Maßnahme bezahlt wird. Das Jugendamt reagiert mit "Vertröstungen und Verschiebungen". Also hängt es mal wieder am Geld.
Die Sinn-Stiftung, Adelheid, Christian, Stefan, Claudia, Rüdiger, Martin, Sophie, Leo, Bernd, Thomas, Gerald usw. hängen ihre ganze Kraft in unsere Kids. Sie haben es nicht verdient, so abgespeist zu werden. Es werden Lügen verbreitet!!! Besonders von einer Kinderärztin.
Malte ist nicht 4 mal von der Schule geflogen!
Er wurde 1 Woche von der Grundschule suspendiert! Ihm ging es dann physisch und psychisch über Wochen, sehr schlecht. Danach hatte er kein Chance mehr normal in die Dorfschule zu gehen. Deshalb haben wir ihn beurlauben lassen. Die 2 anderen Schulwechsel haben wir aus eigener Initiative durchgeführt, weil wir nicht wollten, dass Malte zugrunde geht, an der ganzen Misere sowie unserem miserablen Schulsystem. Wir können Malte nicht überall schützen, aber wir können so ein aufgewecktes Kerlchen, nicht ständig ins Messer laufen lassen, oder wegen seiner Langeweile in der Schule Medikamente geben. Malte fragte vor Jahren: "soll ich gegen mein Gehirn Tabletten nehmen?"
Malte hat durch seinen 1-wöchigen Klinikaufenthalt (wo er auf Methylphenidat eingestellt wurde, bei Neonlicht, geschlossenem Fenster und 10 Jungen schlafen musste) bis heute Probleme: Auf jegliche Art von Festhalten, Einengen, Frischeluftnot sowie Medikamente reagiert er seitdem äußerst skeptisch und fühlt sich bedroht. Dies ist zwar alles durch den Almaufenthalt besser geworden, aber es bedarf sehr harter Arbeit um hier ständig weiter zu kommen. Immer kleine Schritte sowie die Unterstützung von der Sinn-Stiftung, lassen uns weiter hoffen.
Nach unserer Meinung und Erfahrung nützen Tabletten nicht gegen Langeweile, Hochbegabung und Zappelbein. Und wenn unser Malte als "schwer erziehbar" gilt, können wir dies unterstreichen: nämlich weil er sich nicht zurechtbiegen lässt. Dies wollen wir persönlich auch für uns nicht. Sind wir als Eltern, die ihren Kindern keine Medikamente (mehr) geben, nicht auch "schwer erziehbar"? Wir lehnen uns nicht auf, aber wir laufen mit offenen Augen durch die Welt und nehmen clean unsere Umwelt wahr. Dies ist nicht leicht und wir werden zu Außenseitern gemacht!
Wir haben aber die Meinung: Da nützen auch keine Medikamente was - LIEBE ist hier gefragt.
Malte würde sehr gerne wieder auf die Alm. Zwar nicht für so lange, aber gerne wieder mit vielen seiner neuen Freunde, die er auf der Alm kennen gelernt hat.
Später will er auf jeden Fall "ALMMITARBEITER" werden
Wir lassen uns nicht klein kriegen und freuen uns sehr, dass Malte und wir die Sinn-Stiftung und die Eltern der Alm-Boys kennen lernen durften.
Wir wollen nicht daran denken, wo wir heute ohne diese Unterstützung wären.
DANKE!
Susanne und Horst F.
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